Magenta-Serie „A Friend of the Family“: Der wahre Fall einer doppelten Entführung (2024)

Sittengemälde evangelikaler Zirkel

Magenta-Serie „A Friend of the Family“: Der wahre Fall einer doppelten Entführung

Magenta-Serie „A Friend of the Family“: Der wahre Fall einer doppelten Entführung (1)

„A Friend of the Family“: Mckenna Grace als Jan Broberg und Jake Lacy als Robert „B“ Berchtold.

Quelle: Fernando Decillis/Peaco*ck

In der Serie „A Friend of the Family“ entfaltet sich, inspiriert von einer wahren Geschichte, eine verstörende Erzählung über psychologische Infiltration und das Wegsehen einer konservativen Religionsgemeinschaft. Als Zuschauer möchte man ständig schreiend davonlaufen – wäre die Story nicht so unfassbar fesselnd.

Seit fiktionale Bösewichte nicht mehr wie einst im Bilderbuch leicht am verschlagenen Blick überm Stoppelbart erkennbar sind, sehen sie meist völlig harmlos aus. Oder wie Nachbarn realer Bösewichte nach ihrer Verhaftung oft in RTL-Kameras beteuern: „Der hat doch immer alle so freundlich gegrüßt!“ Ungefähr so freundlich wie Robert Berchtold 1973 die seinen in Idaho, bevor er – wie sagt man doch: sein wahres Gesicht zeigte.

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Und dieses Gesicht, das wird gleich zu Beginn der irritierend faszinierenden Serie „A Friend of the Family“ deutlich, ist diabolisch. Als die fünfköpfige Familie Broberg zum Begrüßungsbesuch bei der sechsköpfigen Familie Berchtold zwei Blocks von ihrer Vorstadtsiedlung entfernt ankommt, zeigt sich das Oberhaupt der zugezogenen Sippe von seiner strahlenden Seite. Doch schon während seine Frau beim Picknick auf dem Wohnzimmerboden von einer Begegnung mit Außerirdischen erzählt, trübt sie sich ein.

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Alle Zeichen deuten auf Missbrauch, doch niemand will sie wahrhaben

Besonders dem Blumenhändler Broberg (Colin Hanks) missfällt es fortan zunehmend, wie viel Zeit der Möbelhändler Berchtold (Jake Lacy) mit seiner zwölfjährigen Tochter Jan (Hendrix Yancey) verbringt. Als er sie eines Tages gegen Bobs Willen von der Schule zum Reiten abholt und nicht wiederkommt, erfüllt sich seine Ahnung: B, wie alle den Charmeur von nebenan nur nennen, hat das Mädchen entführt. Wer hier allerdings einen Fall brutalen Kidnappings erwartet, sieht sich bereits im ersten der neun Teile getäuscht, was die folgenden acht ebenso verstörend wie eindrucksvoll beschreiben.

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Denn basierend auf Jan Brobergs wahrer Geschichte, die uns 50 Jahre später im Vorspann persönlich fürs Zusehen dankt und sogar als Nebendarstellerin auftaucht, handelt die aberwitzige Story von einer psychologischen Infiltration. Wie genau sie mit welcher Konsequenz vonstattenging, wird hier trotz der realen Vorlage nicht verraten. Nur so viel: Unfreiwillig steigt das Mädchen nicht in den Camper des pädophilen B. Unfreiwillig bleibt es auch nicht bei ihm. Als Zuschauer möchte man daher ständig schreiend davonlaufen – wäre die Story nicht gute acht Stunden lang so unfassbar fesselnd.

Verantwortlich dafür ist abgesehen von der rauen Realität Showrunner Nick Antosca, dessen Regisseure parallel ein Sittengemälde evangelikaler Zirkel zeichnen, die Mitte der sexuell befreiten Siebziger noch ein amerikanisches Randphänomen waren. Obwohl frühzeitig alle Zeichen auf Missbrauch hindeuten, will die konservative Religionsgemeinschaft der zwei Familien nichts von Männergewalt wissen oder noch schlimmer: findet sie im Grunde gottgefällig.

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Bizarre Story einer augenscheinlich einvernehmlichen Kindesentführung

Selbst die Ehefrauen der Patriarchen – perfekt verkörpert von Anna Paquin als depressive Mary Ann Broberg und Lio Tipton als unterwürfige Gail Berchtold – haben der fürsorglichen Allmacht ihrer Gatten nichts entgegenzusetzen. „Wie soll ich diese Familie führen, wenn du mir ständig auf den Füßen stehst?!“, weist Bob die Mutter seiner Töchter beim Abendmahl zurecht, weil sie eine davon befehlswidrig zum Täter ins Auto steigen ließ. Zu dumm, dass er recht behalten sollte.

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Und so zeigt „A Friend of the Familiy“ nicht nur die bizarre Story einer augenscheinlich einvernehmlichen Kindesentführung. Mehr noch als die preisgekrönte Doku „Abducted in Plain Sight“ von 2017 erleben wir darin, wie wertbasierte Gemeinwesen nicht sehen wollen, was nicht sein darf.

Über die bedrückende Atmosphäre hinaus erinnert die Realfiktion somit ans True-Crime-Drama „Dahmer“. Der durfte seine 17 Opfer ebenfalls im Licht vergeblicher Hinweise töten. Hier können alle Indizien, kein Witz, B Berchtolds frühzeitige Haftentlassung so wenig verhindern wie die nächste Entführung der zwei Jahre älteren Jan (Mckenna Grace). Und das, obwohl der reale Bösewicht da längst aussieht wie ein Bösewicht im Bilderbuch …

„A Friend of the Familiy“ ist bereits streambar bei Magenta TV.

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Author: Duane Harber

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